Wien (OTS) – Anlässlich des Internationalen Tages der Essstörungen am
2. Juni
macht der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) auf
eine besorgniserregende Realität aufmerksam: Essstörungen –
insbesondere Anorexia nervosa – zählen laut dem National Institute of
Mental Health zu den psychischen Erkrankungen mit der höchsten
Sterblichkeitsrate. Dennoch werden sie zu oft zu spät erkannt. Neben
bekannten Krankheitsbildern wie Anorexie und Bulimie rücken Binge-
Eating sowie Adipositas zunehmend in den Fokus, ebenso neuere
Entwicklungen wie ARFID oder Orthorexie. Viele dieser Formen bleiben
unterdiagnostiziert oder werden nicht als behandlungsbedürftig
wahrgenommen, obwohl sie häufig mit erheblichem Leidensdruck
verbunden sind.
Die World Health Organization betont, dass insbesondere Mädchen
und junge Frauen betroffen sind. Gleichzeitig zeigen Studien, dass
Essstörungen bei Männern häufig später erkannt werden. Weniger
sichtbare Formen werden oft diagnostiziert, wenn bereits erheblicher
Leidensdruck besteht. Dabei verbessert eine frühe Behandlung die
Heilungschancen nachweislich.
Zunehmend relevant ist auch der Einfluss digitaler Medien.
Soziale Netzwerke vermitteln oft idealisierte Körper-, Ernährungs-
und Lebensbilder, die soziale Vergleichsprozesse fördern und
insbesondere bei vulnerablen Menschen Druck erzeugen. Studien zeigen
Zusammenhänge zwischen dem Konsum körperbildorientiert Inhalte,
Körperunzufriedenheit, restriktivem Essverhalten und psychischen
Belastungen.
„ Essstörungen sind komplexe psychische Erkrankungen, die weit
über das klassische Bild hinausgehen und oft lange unerkannt bleiben
„, sagt Barbara Haid , Präsidentin des ÖBVP. „ Solange das
Versorgungssystem nur die sichtbarsten Formen im Blick hat, werden
viele Betroffene schlicht nicht erreicht. Das müssen wir ändern. “
Aus psychotherapeutischer Perspektive stehen bei Essstörungen
zentrale psychische Mechanismen im Vordergrund, insbesondere
Emotionsregulation, Selbstwert sowie Angst- und Kontrollprozesse.
Diese werden durch individuelle Belastungen ebenso beeinflusst wie
durch gesellschaftliche Normen und digitale Vergleichsdynamiken.
Psychotherapie ermöglicht es, diese komplexen Zusammenhänge zu
verstehen und gezielt zu bearbeiten. Ohne sie besteht ein hohes
Risiko der Chronifizierung oder einer Verschiebung der Symptomatik.
Besonders bei der Binge-Eating-Störung und Adipositas spielen
psychische Belastungen häufig eine zentrale Rolle, welche durch
gesellschaftliche Stigmatisierung und idealisierte Körpernormen
verstärkt werden.
„ Scham, Schuldgefühle und ständiger sozialer Vergleich
erschweren es vielen Betroffenen, Unterstützung zu suchen „, sagt
Ines Gstrein , Vizepräsidentin des ÖBVP. „ In der Praxis zeigt sich
immer wieder, dass Symptome nicht erkannt oder falsch eingeordnet
werden und dass dieser verzögerte Behandlungsbeginn langfristige
Folgen hat. Frühzeitiger Zugang zu Psychotherapie ist medizinische
Notwendigkeit. “
Der ÖBVP möchte am Welttag der Essstörungen auf bestehende
Versorgungslücken aufmerksam machen. Es braucht konkrete Maßnahmen,
damit Menschen mit Essstörungen rechtzeitig die richtige Behandlung
bekommen:
–
einen niederschwelligen und kassenfinanzierten Zugang zu
Psychotherapie
–
bessere Früherkennung durch entsprechend geschulte Berufsgruppen
–
eine konsequente Entstigmatisierung aller Formen von Essstörungen
–
die breitere fachliche und öffentliche Anerkennung bislang wenig
beachteter Störungsbilder wie beispielsweise Orthorexie
Essstörungen sind gut behandelbar, vorausgesetzt, sie werden
rechtzeitig erkannt und psychotherapeutisch begleitet. Der ÖBVP sieht
es als gesellschaftliche Verantwortung, diese Versorgung für alle
Betroffenen sicherzustellen.