Wien (OTS) – Ein starker Patentschutz bildet in der pharmazeutischen
Industrie die
Grundlage für Investitionen in Forschung und Entwicklung und damit
für neue Therapien. Europa sendet derzeit allerdings ambivalente
Signale, wenn es um den Schutz medizinischer Innovationen geht. Diese
Uneinheitlichkeit verunsichert forschende Unternehmen und gefährdet
Europas Attraktivität als Forschungsstandort.
„ Einerseits bekennt sich die Europäische Union in
Strategiepapieren und politischen Erklärungen klar zu Innovation,
Wettbewerbsfähigkeit und zum Ausbau des Life-Sciences-Standorts.
Andererseits schwächen konkrete Gesetzgebungsvorhaben genau jene
Schutzmechanismen, die medizinische Innovation überhaupt erst
ermöglichen. Diese Widersprüchlichkeit stellt langfristige
Investitionen in Forschung und Entwicklung zunehmend infrage, anstatt
diesen Bereich im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit Europas klar zu
stärken “, sagt Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG, mit
Blick auf den World IP Day am 26. April 2026 und das Zusammenspiel
aktueller Prozesse auf EU-Ebene.
Mit der Reform der EU-Arzneimittelgesetzgebung soll der
bestehende Schutzrahmen für innovative Arzneimittel insgesamt
eingeschränkt werden. Der vorliegende, weitgehend finalisierte
Gesetzestext sieht unter anderem verkürzte Schutzzeiträume und höhere
Hürden für ergänzende Schutzinstrumente vor. Damit droht sich die
Planbarkeit für forschende Unternehmen deutlich zu verschlechtern.
Die Anreize für langfristige Investitionen werden geschwächt.
Demgegenüber verfolgt der geplante EU-Biotech Act das Ziel,
Innovationen in Schlüsseltechnologien gezielt zu fördern,
Investitionen anzuziehen und Europas Position im globalen Wettbewerb
zu stärken. Vorgesehen sind punktuelle Verbesserungen, etwa durch
ergänzende Schutzinstrumente oder unterstützende Maßnahmen für
bestimmte biotechnologische Anwendungen. Diese positiven Elemente
betreffen jedoch nur einen eng begrenzten Bereich und können die
weitreichenden Auswirkungen der EU-Arzneimittelgesetzgebung nicht
ausgleichen.
„Das Bekenntnis zur medizinischen Innovation steht derzeit auf
einem wackeligen Fundament. Für forschende Unternehmen entsteht so
ein Bild mangelnder Verlässlichkeit. Investitionen in die Entwicklung
neuer Arzneimittel erfordern jedoch Planungssicherheit über
Jahrzehnte hinweg. Wer Innovationen will, muss für verlässliche
Rahmenbedingungen sorgen“, betont Herzog.
Wie sensibel diese Rahmenbedingungen sind, zeigt ein Blick auf
die tatsächliche Dauer von Forschung und Patentschutz. Der
Patentschutz liegt in Europa derzeit bei 20 Jahren ab Anmeldung. In
der Medikamentenentwicklung erfolgt eine Patentanmeldung häufig
bereits zu Beginn eines Forschungsprojekts, auch wenn noch nicht
absehbar ist, ob ein Wirkstoff tatsächlich als Arzneimittel auf den
Markt kommen wird. Der Entwicklungsprozess wiederum dauert im
Durchschnitt etwa zwölf Jahre, wodurch sich die effektive
Patentnutzungsdauer und damit die Zeit, um Investitionen zu
refinanzieren und zugleich neue Forschung zu ermöglichen, auf rund
acht Jahre reduziert.
Zusätzliche Unsicherheit entsteht aktuell auch auf
internationaler Ebene. Im Rahmen des geplanten Pandemievertrags der
Weltgesundheitsorganisation wird darüber verhandelt, wie sich die
Welt besser auf künftige Pandemien vorbereiten kann. Im Zentrum steht
dabei das sogenannte PABS-System („Pathogen Access and Benefit
Sharing“). Es soll den Zugang zu Krankheitserregern und genetischen
Daten regeln und zugleich einen gerechten Vorteilsausgleich
sicherstellen. Der derzeit diskutierte Entwurf sieht unter anderem
ein pauschales Verbot des Schutzes geistigen Eigentums für
Innovationen vor, die aus PABS-Materialien, also aus entsprechenden
Proben oder Daten, abgeleitet sind. Das hätte weitreichende
Konsequenzen.
„Wenn man den Schutz geistigen Eigentums pauschal einschränkt,
zieht man der Forschung den Boden unter den Füßen weg. Im nächsten
Pandemiefall stünden dann jene innovativen Therapien nicht zur
Verfügung, die rasch und wirksam helfen könnten. Zusätzliche
verpflichtende Beiträge und unklare Vorgaben würden diese
Unsicherheit nur weiter verschärfen und am Ende wie eine
Innovationssteuer wirken. Das würde jegliche Forschung im Keim
ersticken“, so Herzog.
Über die PHARMIG: Die PHARMIG ist die freiwillige
Interessenvertretung der österreichischen Pharmaindustrie. Derzeit
hat der Verband ca. 120 Mitglieder (Stand April 2026), die den
Medikamenten-Markt zu gut 95 Prozent abdecken. Die PHARMIG und ihre
Mitgliedsfirmen stehen für eine bestmögliche Versorgungssicherheit
mit Arzneimitteln im Gesundheitswesen und sichern durch Qualität und
Innovation den gesellschaftlichen und medizinischen Fortschritt.