Schönheit

Lungenkrebs bei Frauen: Warum geschlechtssensible Medizin Leben retten kann

WIEN (OTS) – Lungenkrebs gilt bis heute als klassische
„Raucherkrankheit“ – und
als Erkrankung älterer Männer. Dieses Bild entspricht jedoch längst
nicht mehr der Realität: Während die Lungenkrebshäufigkeit bei
Männern rückläufig ist, steigt sie bei Frauen seit Ende der 1990er-
Jahre an. Lungenkrebs ist inzwischen – nach Brustkrebs – weltweit
gesehen schon die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen. Und:
Immer mehr wissenschaftliche Studien zeigen, dass Frauen in vielerlei
Hinsicht anders von Lungenkrebs betroffen sind als Männer.
Unterschiede bestehen nicht nur bei den Risikofaktoren, sondern auch
bei der Tumorbiologie, der Diagnostik und sogar beim Ansprechen auf
bestimmte Therapien. Viele dieser Unterschiede finden in der
medizinischen Versorgung bisher noch zu wenig Beachtung. Darauf weist
die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie, ÖGP, anlässlich des
bevorstehenden Welt-Lungenkrebstages hin.

Lungenkrebs ist weltweit die häufigste krebsbedingte
Todesursache. Während die Erkrankungs- und Sterberaten bei Männern in
vielen Industrieländern seit Jahren zurückgehen, steigen sie bei
Frauen in zahlreichen Regionen weiter an oder gehen deutlich
langsamer zurück – eine Entwicklung, die vor allem die veränderten
Rauchgewohnheiten der vergangenen Jahrzehnte widerspiegelt, aber
nicht allein dadurch erklärt werden kann (Backhus et al., 2024;
Mosleh et al., 2024).

Zwtl.: Rauchen bleibt der wichtigste Risikofaktor – aber nicht der
einzige

OA Dr. Maximilian Hochmair, Leiter der ÖGP-Expert*innengruppe
Pneumologische Onkologie, erklärt: „Rund 80 bis 90 Prozent aller
Lungenkrebserkrankungen stehen weiterhin mit dem Tabakkonsum in
Zusammenhang. Dennoch fällt seit einigen Jahren auf, dass
vergleichsweise viele Frauen an Lungenkrebs erkranken, obwohl sie nie
oder nur wenig geraucht haben. Besonders häufig handelt es sich dabei
um das Adenokarzinom, den heute häufigsten Typ des Lungenkrebses.“

Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Passivrauchen erhöht
nachweislich das Erkrankungsrisiko. Hinzu kommen Luftverschmutzung
sowie die Belastung durch Rauch aus Holz-, Kohle- oder Biomassefeuern
in Innenräumen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind
weltweit insbesondere Frauen in Ländern mit traditionellen
Kochstellen über viele Jahre erheblichen Konzentrationen
gesundheitsschädlicher Feinstäube und krebserregender Stoffe
ausgesetzt.

Auch Dämpfe, die beim starken Erhitzen von Speiseölen entstehen,
werden als möglicher Risikofaktor diskutiert. Diese Belastungen
betreffen Frauen aufgrund traditioneller Rollenverteilungen in vielen
Regionen der Welt häufiger als Männer.

Zwtl.: Biologische Unterschiede spielen ebenfalls eine Rolle

Neben Umwelt- und Lebensstilfaktoren rückt zunehmend die Biologie
in den Mittelpunkt der Forschung. Zahlreiche Studien zeigen, dass
sich Lungenkrebs bei Frauen molekular teilweise anders entwickelt als
bei Männern.

Hochmair, Oberarzt und Leiter der pneumoonkologischen
Tagesambulanz/Tagesklinik an der Abteilung für Innere Medizin und
Pneumologie der Klinik Floridsdorf, der auch am Karl Landsteiner
Institut für Lungenforschung und pneumologische Onkologie forschend
tätig ist, erklärt: „Frauen weisen häufiger sogenannte EGFR-
Mutationen auf. Diese genetischen Veränderungen fördern das Wachstum
bestimmter Tumoren, eröffnen aber gleichzeitig die Möglichkeit einer
gezielten Behandlung mit modernen Tyrosinkinasehemmern. Gerade
deshalb ist eine umfassende molekulare Diagnostik heute
unverzichtbarer Bestandteil der Therapieentscheidung.“

Auch Unterschiede im Immunsystem, im Stoffwechsel von
Medikamenten sowie in der Regulation zahlreicher Gene werden
zunehmend beschrieben. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus,
dass biologische Geschlechtsunterschiede Einfluss darauf haben
können, wie Tumoren entstehen und wie sie auf Behandlungen reagieren.
Viele dieser Mechanismen sind allerdings noch nicht vollständig
verstanden.

Deutlich vorsichtiger bewertet die Wissenschaft dagegen den
Einfluss weiblicher Hormone, wie OÄ Dr. in Romana Wass, PhD ,
stellvertretende Leiterin der ÖGP-Expert*innengruppe Pneumologische
Onkologie, weiß: „Zwar besitzen viele Lungentumoren
Östrogenrezeptoren, und experimentelle Studien sprechen für einen
möglichen Einfluss von Östrogen auf das Tumorwachstum. Ob hormonelle
Verhütungsmittel oder Hormonersatztherapien das Erkrankungsrisiko
tatsächlich verändern, ist bislang jedoch nicht eindeutig belegt. Die
bisherigen Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse.“

Zwtl.: Wenn Symptome nicht ernst genommen werden

Zu den größten Problemen gehört die oftmals verzögerte Diagnose.
Lungenkrebs verursacht gerade in frühen Stadien häufig keine oder nur
unspezifische Beschwerden wie anhaltenden Husten, Atemnot,
Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Gewichtsverlust. Diese Symptome
werden insbesondere bei jüngeren Frauen selten gleich mit einer
Lungenerkrankung in Verbindung gebracht.

Wass, Oberärztin an der Universitätsklinik für Innere Medizin 4
mit Pneumologie am Kepler Universitätsklinikum in Linz,
Tumorboard/Tumorambulanz, stellt klar: „Mehrere Untersuchungen weisen
darauf hin, dass Frauen später diagnostiziert werden als Männer und
häufiger mehrere Arztkontakte benötigen, bevor die richtige Diagnose
gestellt wird. Gründe hierfür sind unter anderem das weiterhin
verbreitete Bild des ‚typischen Lungenkrebspatienten‘ als älterer
männlicher Raucher sowie die geringere Wahrscheinlichkeit, bei
Nichtraucherinnen frühzeitig an Lungenkrebs zu denken.“

Zwtl.: Frauen sind in klinischen Studien weiterhin unterrepräsentiert

Ein weiteres Problem betrifft die klinische Forschung. Frauen
waren über viele Jahre in Studien zu Lungenkrebs seltener vertreten
als Männer. Dadurch beruhen viele Erkenntnisse zu Dosierungen,
Nebenwirkungen oder Therapieeffekten überwiegend auf männlichen
Patientenkollektiven.

Hochmair: „Heute weiß man, dass Frauen unter bestimmten
Krebstherapien häufiger Nebenwirkungen entwickeln können. Dies
betrifft unter anderem Übelkeit, neurologische Beschwerden und einige
immunvermittelte Nebenwirkungen. Ob daraus künftig
geschlechtsspezifische Dosierungsempfehlungen entstehen sollten, wird
derzeit intensiv untersucht. Gesicherte Empfehlungen existieren
bislang jedoch nur in Einzelfällen.“

Auch das Ansprechen auf Immuntherapien scheint sich teilweise
zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden. Dabei dürfte allerdings
weniger das Geschlecht selbst als vielmehr die unterschiedliche
Häufigkeit bestimmter Tumormutationen – etwa im EGFR-Gen – eine
wichtige Rolle spielen.

Zwtl.: Geschlechtssensible Medizin bedeutet bessere Medizin für alle

„Aus den bisherigen Erkenntnissen ergibt sich keine eigene Form
des ‚Frauen-Lungenkrebses‘. Vielmehr wird deutlich, dass biologische
und gesellschaftliche Geschlechtsunterschiede bei Prävention,
Diagnostik und Behandlung stärker berücksichtigt werden müssen“, so
Wass .

Dazu gehört,

– Lungenkrebs auch bei Nichtraucherinnen frühzeitig in Betracht zu
ziehen,

– Frauen konsequent in klinische Studien einzubeziehen,

– molekulare Tumoranalysen bei allen geeigneten Patientinnen und
Patienten durchzuführen,

– Umwelt- und Passivrauchbelastungen stärker zu berücksichtigen

– sowie künftige Screeningprogramme besser an individuelle
Risikoprofile anzupassen.

Zwtl.: Fazit

„Lungenkrebs ist längst keine Erkrankung, die ausschließlich
ältere männliche Raucher betrifft. Frauen erkranken häufig unter
anderen Voraussetzungen, zeigen teilweise andere Tumoreigenschaften
und stehen vor besonderen Herausforderungen bei Diagnose und
Behandlung“, betont Hochmair abschließend.

Und Wass fasst zusammen: „Die Forschung der vergangenen Jahre hat
wichtige Unterschiede zwischen den Geschlechtern sichtbar gemacht.
Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Fragen noch offen sind. Eine
geschlechtssensible Medizin bedeutet deshalb nicht, Frauen und Männer
grundsätzlich unterschiedlich zu behandeln. Sie bedeutet vielmehr,
biologische Unterschiede wissenschaftlich zu berücksichtigen und
allen Patientinnen und Patienten die bestmögliche, individuell
angepasste Versorgung zu ermöglichen. Gerade bei Lungenkrebs könnte
dieses Umdenken künftig entscheidend dazu beitragen, Erkrankungen
früher zu erkennen und die Heilungschancen zu verbessern.“

Die Presseaussendung mit den Literaturhinweisen finden Sie hier .

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