Wien (OTS) – Christian Prauchner, Obmann des Verbandes des
Lebensmittelhandels in
der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), wendet sich mit einem offenen
Brief an die SPÖ-Bundesgeschäftsführung. Denn es sei höchst an der
Zeit, dem ständigen Bashing des Lebensmittelhandels ein Ende zu
setzen.
Der Offene Brief im Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Bundesgeschäftsführer,
sehr geehrte Damen und Herren,
die jüngsten Aussagen Ihrer Partei zum Lebensmittelhandel nehmen
wir mit großem Befremden zur Kenntnis. Es ist höchste Zeit, dass das
ständige Bashing des Lebensmittelhandels endlich aufhört.
Alle österreichischen Lebensmittelhändler:innen – von den großen
Handelsketten bis zu den regionalen Nahversorger:innen – setzen sich
Tag für Tag dafür ein, die Auswirkungen der Inflation für die
Konsumentinnen und Konsumenten so gering wie möglich zu halten und
den täglichen Einkauf trotz hoher Inflation zu einem fairen Preis zu
ermöglichen.
Fehleinschätzung der SPÖ: Politik kann Preise nicht diktieren
Wenn Sie nun per Aussendung behaupten, die jüngste Rabattaktion
eines einzelnen Unternehmens sei allein das Ergebnis Ihres
politischen Drucks – und gleichzeitig fordern, dass auch die übrigen
Unternehmen diesem Druck nachgeben und die Preise senken sollen – ist
das eine grobe Fehleinschätzung. Der Lebensmittelhandel tut bereits
alles, um die Preise für die Konsument:innen so niedrig wie möglich
zu halten – auch ohne Ihre Zurufe. Eine kurzfristige Aktion eines
einzelnen Marktteilnehmers zeigt weder, dass andere weniger tun, noch
dass bei Lebensmitteln übermäßige Gewinne erzielt werden. Sie ist
schlicht Teil der laufenden Maßnahmen aller Händler:innen, um die
Verbraucher:innen aktuell zu entlasten.
Auch die wiederholte Drohung mit staatlichen Preiseingriffen löst
das Problem nicht. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass
Preisdeckel und Eingriffe die wahren Ursachen der Inflation–
insbesondere die hohen Energiekosten – nicht bekämpfen.
Energiekosten wirken wie Lawine
Der Lebensmittelhandel kann die extremen Steigerungen der
Energiekosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette nicht
ausgleichen. Die Netzkosten in Österreich sind innerhalb von fünf
Jahren um 60 % gestiegen, die Industriestrompreise zählen zu den
höchsten Europas, und laut Statistik Austria lagen die Energiekosten
im September um 7,9 % höher als im Vorjahr.
Vereinfacht gesagt:
– Der Bauer bezahlt +7,9 % für Strom, Diesel und Heizung.
– Der Hersteller (Molkerei, Mühle, Produzent) bezahlt +7,9 % für
Energie bei Verarbeitung und Produktion.
– Der Frächter bezahlt +7,9 % für Treibstoff.
– Jede zwischengelagerte Stufe und alle Zulieferbetriebe bezahlen +
7,9 % mehr für Strom, Gas und Treibstoff.
– Und auch der Handel selbst trägt +7,9 % höhere Energiekosten.
Gleichzeitig treibt die öffentliche Hand selbst durch laufend
steigende Gebühren und Abgaben sowie immer mehr Bürokratie die
Inflation zusätzlich an. Hinzu kommen steigende Lohnkosten.
Diese Kostensteigerungen wirken nicht isoliert, sondern addieren
sich auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette. Ein und dasselbe
Produkt wird also mehrfach mit höheren Kosten belastet, bevor es
überhaupt im Regal ankommt. Dazu kommen explodierende Weltmarktpreise
von Rohstoffen wie Kakao, Kaffee oder Orangensaft.
Zu glauben, dass am Ende trotz einer Gewinnmarge von meist unter
einem Prozent ein niedrigerer Preis am Regal stehen kann, offenbart
schlicht fehlendes Wirtschaftsverständnis. Preisentlastungen werden
erst dann realistisch, wenn die Energiekosten endlich gesenkt werden.
Branche unter enormem Druck
Erst kürzlich hat der Fall Unimarkt gezeigt, unter welchem
enormen Druck die Branche steht. Für viele ländliche Nahversorger
wird die Luft immer dünner. Und genau diejenigen, die fordern, den
Lebensmittelhandel immer stärker zu regulieren und unter Druck zu
setzen, tragen auch Verantwortung dafür, wenn weitere Unternehmen und
Nahversorger verschwinden und Arbeitsplätze verloren gehen. Anstatt
sich für die Nahversorger einzusetzen, erleben wir, dass Teile der
Politik nichts Besseres wissen, als eine gesamte Branche – und damit
auch unsere 140.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – pauschal zu
diskreditieren. Diese Menschen sehen sich inzwischen täglich
Anfeindungen ausgesetzt, weil sie instrumentalisiert werden, um von
den eigentlichen Ursachen der Inflation abzulenken.
Wenn Ihr Bundesgeschäftsführer im Zusammenhang mit dem
Lebensmittelhandel in einer früheren Aussendung von „hinterhältigen
Tricks“ spricht, darf ich diese Formulierung auf das Schärfste
zurückweisen. Der eigentliche Trick besteht darin, den
Lebensmittelhandel mit immer neuen Nebenfronten und Nebelgranaten in
die Öffentlichkeit zu zerren, anstatt die tatsächlichen Ursachen der
Inflation anzugehen.
Fakten statt Nebelgranaten
Wir fordern daher einen sachlichen Dialog, der auf den Fakten
basiert, und kein parteipolitisches Ablenkungsmanöver auf dem Rücken
einer ganzen Branche.
Lebensmittel sind ein Grundbedürfnis – das wissen wir besser als
jede politische Partei. Wir stehen bereit, unseren Beitrag zu
leisten. Aber wir lassen uns nicht länger zum Sündenbock für Probleme
machen, deren Ursachen weit außerhalb unserer Verantwortung liegen.